Dezember 2011 – Auf den Leim gegangen: Mistel

Unsere germanischen Vorfahren dachten, die gelbgrünen Kugelbüsche seien vom Himmel in die Baumkronen gefallen. Bis heute betrachten viele Menschen die Mistel mit Ehrfurcht und trauen ihr besondere Schutzkräfte zu. Auch der Kuss unter dem vorweihnachtlichen Mistelzweig steht in dieser Tradition.

Dass wir sie hier neben elf Kletterpflanzen einreihen, ist – botanisch betrachtet – so schief, als würde man jemanden als Bergsteiger feiern, der per Helikopter auf einen Gipfel gelangt ist. Doch wer bringt die Laubholz-Mistel (Viscum album) in den Wipfel, wenn sie es nicht aus eigener Kraft vermag? Es sind Drosseln, besonders Misteldrosseln, die sich nach dem Verzehr der reifen Mistelbeeren von unverdauten Kernen erleichtern. Dank eines klebrigen Überzugs haften Mistelsamen auch an glatter Rinde. Im Lateinischen ist viscum deshalb nicht nur der Name der Pflanze, sondern bedeutet auch Vogelleim. Versteckt im Wort „Viskosität“ für Zähflüssigkeit hat es der klebrige Saft der Mistel bis in die Fachsprache der Physiker geschafft.

Im Bonner Süden findet man die Mistel auf einem guten Dutzend unterschiedlicher Gehölze und deutschlandweit dürften es drei mal so viele Arten sein. Fast immer sind es vom Menschen gepflanzte Bäume in Alleen, Parks, Obstgärten und auf Friedhöfen. Heimische Waldbäume werden nur selten infiziert und Eiche und Buche bleiben ganz verschont.

Die Misteldrossel ist die Verbündete der Mistel: Sie „sät“ Mistelsamen und darf sich zum Lohn an den Beeren bedienen.

Die Misteldrossel ist die Verbündete der Mistel: Sie „sät“ Mistelsamen und darf sich zum Lohn an den Beeren bedienen.

Nanu? Haben wir nicht mit eigenen Augen gesehen, dass der Druide Miraculix seine Misteln auf Eichen erntet? Im Comic ja, aber in Wirklichkeit haben die antiken Priester dort eine Verwandte der Mistel geschnitten, nämlich die ausschließlich auf Eichen wachsende Riemenblume, gleichfalls ein Halbparasit. Doch wieso Halb-? Um welche Hälfte erleichtert die Mistel denn den Baum? Sie entnimmt dem Holz lediglich etwas Wasser und die darin gelösten Nährsalze. Photosynthese betreibt sie selbst. Erst wenn eine Krone mit zahlreichen großen Exemplaren besetzt ist, kann der Baum Schaden nehmen. Das Personal vom Amt für Stadtgrün hat deshalb schon mehrfach Gehölze mit Übergepäck gefällt oder die am stärksten betroffenen Äste abgesägt.

  • Farbbild: Blick von der Franz-Bücheler-Straße Richtung Wichernstraße 7
  • Hier können Sie eine Übersicht unseres kompletten Kalenders für das Jahr 2011 einsehen.
  • Die Idee zu unserem diesjährigen Kalender sowie die Fotos und Texte stammen von Günter Matzke-Hajek, sein Bruder Dieter Matzke kümmerte sich um Form und Gestaltung.

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